Helau oder Alaaf

Einmal im Jahr werden am Niederrhein rote Nasen und falsche Haare herausgeholt. Dann ist wieder Karneval!

Zuerst mal: Ja, es heißt Karneval – zumindest hier bei uns. Fasching – das Wort kennen wir zwar auch, aber korrekt wird die fünfte Jahreszeit bei uns Karneval genannt. Warum überhaupt fünfte Jahreszeit? Nun ja, weil Karneval wirklich so eine Sache für sich ist. Für den einen ist es DIE Möglichkeit, sich zu verkleiden und Spaß zu haben. Für den anderen ist es eine fast drei Monate dauernde Zeit, die mit vielen Sitzungen und Terminen gespickt ist. Wieder andere nehmen den Brauch zur Gelegenheit, um sich zu betrinken. Was man von dem einen oder anderen hält, muss jeder für sich entscheiden. Für mich sind die Karnevalszeit einige bunte Tage, die den trüben Winter wegpusten.

Keine Frage also, dass es bereits als Kind immer zum Nelkensamstagszug ging. Ja, mancherorts mag es anstrengend sein, das Publikum etwas gewöhnungsbedürftig und alles in allem laut, aber es sein auch gesagt: es macht tierisch viel Spaß. Meist wird schon lange im Vorfeld überlegt, welches Kostüm es sein soll und nicht wenige machen sich mit ihrem Kostüm eine ganze Menge Arbeit (in diesem Jahr kann ich bestens ein Lied davon singen). Die tollsten, kreativsten und verrücktesten Kostüme hält in Moers übrigens seit ein paar Jahren Bettina Engel-Albustin in der Kultkneipe Röhre fest. Eine wahnsinnig tolle Aktion, bei der auch meine Fotos entstanden sind. Damit geht’s morgens schon los: das Kostüm wird angezogen, Karnevalsmusik läuft (das sind dann so Lieder wie „Viva Colodia“ oder „Wenn et Trömmelche jeht“) und es herrscht gute Laune. Nach den Fotos geht’s dann zum Zug. Ich habe mittlerweile einige Züge gesehen (der Rosenmontagszug in Köln ist ein echtes Highlight), aber unseren Nelkensamstagszug mag ich einfach gern. Vielleicht, weil es bei uns ist. Zu Hause eben. Man kennt die Leute, auch wenn man sie oftmals an diesem Tag nicht erkennt. Überall empfangen einen „Helau-Rufe“, es wird genascht (Berliner sind ein absolutes Muss!) und gefeiert. Schon früh wurde mir eingetrichtert, dass ich auch laut „Helau“ rufen muss, wenn die Züge vorbeifahren, denn nur dann wird Süßes geschmissen. Das war als Kind überhaupt das Beste. Süßigkeiten, die vom Himmel (na ja, vom Wagen, aber als Kind waren die Leute auf dem Wagen sehr weit oben) fallen. Herrlich. Und überhaupt, was habe ich die Leute auf den Wagen beneidet – was für eine Ehre, auf solch einem Zug mitfahren zu dürfen. In meinen Kinderaugen war das etwas ganz Besonderes – okay, ist es auch heute noch und noch ein heimlicher Wunsch von mir.

Alle Fotos von Bettina Engel-Albustin / Fotoagentur Ruhr (auf dem Foto rechts).

Aber zu Karneval gehört natürlich noch mehr als nur die Umzüge, auch wenn diese vielerorts der absolute Höhepunkt sind. Es gibt viele, viele Karnevalssitzungen (ich war in diesem Jahr übrigens auf meiner allerersten). Puh, es ist manchmal schon anstrengend, wenn eine Büttenrede nach der anderen folgt, aber wenn ihr mit diesem kleinen Virus, der sich Karneval nennt, infiziert seid, kommt ihr auch da durch. Schließlich läuft zwischendurch immer wieder Musik, die zum Mitsingen animiert. Ein wichtiger Tag ist natürlich auch Altweiber. Schon zu Schulzeiten wurde erwartungsvoll auf die Uhr gestarrt, bis die Zeiger auf 11:11 Uhr fielen und das Karnevalswochenende offiziell eröffnet war. Jedes Jahr überfällt mich bei dem Blick auf die Uhr wieder eine kindliche Vorfreude. Jetzt geht’s los – jetzt ist wieder Karneval! (Was natürlich nicht stimmt, da die Session ja bereits am 11. November beginnt).

Ich glaube, letzten Endes ist es einfach eine innere Einstellung: entweder man mag Karneval oder eben nicht. Da ist es dann auch vollkommen egal ob es „Helau“ oder „Alaaf“ heißt. Da geht es dann einfach nur darum, tolle, jecke Tage miteinander in einer sonst eher trüben Jahreszeit zu verbringen. Etwas Alkohol gehört da mit Sicherheit auch dazu, wobei ich von übermäßigem Alkoholkonsum nichts halte, denn man kann auch so eine bunte Karnevalszeit haben. In diesem Sinne, ich zähle schon mal die Minuten, bis es wieder heißt: „Helau!“

 

 

 

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