STM: „Nur ein Tag“

Was macht eine Eintagsfliege an ihrem einzigen Lebenstag? Das Schlosstheater Moers löst dieses Geheimnis und schafft ein Stück, das die wirklich wichtigen Dinge des Lebens (wieder) in den Fokus rückt.

Angenommen Fuchs und Wildschwein wären gemeinsam eines schönen Tages unterwegs. Und angenommen, sie würden beobachten, wie eine kleine Eintagsfliege das Licht der Welt erblickt – beide ganz melancholisch darüber, dass das arme Ding nur einen Tag zu leben hat. Aber nehmen wir weiter an, diese Eintagsfliege wüsste gar nichts von ihrem Schicksal, sondern glaube viel mehr, der Fuchs sei es, der nur einen Tag zu leben habe, was erhielte der Zuschauer dann? Ein Stück, das so viel mehr ist als ein reines Kinderschauspiel und einen binnen einer Stunde nicht nur die (scheinbar?!) wichtigsten Stationen des Lebens durchlaufen, sondern auch die Schwere des Themas vergessen lässt. Der Zuschauer wird am Ende viel mehr mit einem federleichten Gefühl nach Hause geschickt. So federleicht als würden zahlreiche weiße Luftballons durch einen Raum fliegen und behutsam zu Boden gleiten. (Achtung kleiner Spoiler 😉 )

Ein Kinderstück, bei dem die Protagonistin am Ende stirbt? Hört sich im ersten Moment alles andere als kinderfreundlich an – und nicht nur das, auch die eine oder andere Erwachsene schien am Ende zu schlucken (viel mehr natürlich sogar als die Kinder). Und dennoch schafft es das STM mit diesem wundervollen neuem Kinderstück, dem Thema Tod die Schwere zu nehmen. Weil das Stück das Leben zelebriert. Das Gemeinsam sein. Das Freunde sein.

Es glitzert, es blinkt – die Bühnengestaltung ist ein Highlight für sich. Foto: Sarah Dickel

Es blinkt und glitzert und ist ein wahres Zauberland. Beim Betreten des neuen Spielraumes des STMs können die Augen auf den ersten Blick kaum all die liebevollen Details erfassen, die Birgit Angele in diese wundervolle Bühnengestaltung gesteckt hat. Einen kurzen Moment lang ertappe ich mich dabei, wie ich überlege, ob ich mich im Stück vertan habe, und finde mich bei der STM Kinderproduktion „Alice im Wunderland“ wieder. Aber nein, in diesem Jahr spielt die Geschichte nicht im Wunderland, zumindest nicht in Alice’s Wunderland, denn ein Wunderland ist diese Kulisse trotzdem in jedem Fall. Ein Wunderland, das bereits bevor das Stück anfängt, für „Ah’s“ und „Oh’s“ sorgt.

Neben Matthias Heße, der das liebenswürdige Wildschwein, das sich heimlich etwas in die Eintagsfliege verliebt, spielt, und Patrick Dallas, der den listigen Fuchs und Partner vom Wildschwein spielt, ist es vor allem Lena Entezami, die in ihrer Rolle als Eintagsfliege brilliert und dem Thema des Stückes die Schwere nimmt. Entezami spielt die Eintags-, Pardon, Maifliege, mit solch kindlicher Freude, Optimismus und Naivität, das der Zuschauer an jeder Stelle des Stückes mit der kleinen Fliege mitfiebert. Natürlich ist da der Gedanke, das diese arme Fliege irgendwann von ihrem tragischen Schicksal erfahren wird, was auch geschieht, aber letzten Endes „ist das Leben viel zu kurz zum Sterben“, so die Eintagsfliege. Und dass das Leben auch genau das ist, zu kurz, um traurig zu sein, und es nicht mit vollster Überzeugung, Freude und Wärme im Herzen zu leben, zeigt Entezami als Eintagsfliege auf ganz wundervolle Weise. Als sie von ihrem Schicksal erfährt, möchte man sie in den Arm nehmen, trösten, aber das benötigt die kleine Fliege gar nicht, denn sie hat ja ihre zwei Freunde, den Fuchs und das Wildschwein, die auch den schwierigen letzten Schritt mit ihr gehen. Und als am Ende zahlreiche weiße Ballons, die für die Larven stehen, die die Eintagsfliege hinterlassen hat, gen Boden gleiten, legt sich ein Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer.

Eine Bühne, die nur nebenbei als diese verwendet wird. Das Stück zeichnet sich auch durch die Interaktivität der Darsteller, die den gesamten Raum zum Spielort nutzen, aus. Foto: Sarah Dickel

Bleibt nur noch die amüsante Darstellung der Fliege/ Grille von John-Dennis Redken zu nennen. Neben Entezami mein heimlicher Star an diesem Nachmittag. Nicht nur, dass er das Stück mit zauberhaften kleinen Melodien auf der Trompete begleitet, nein, er schlüpft am Ende sogar selbst in die Rolle einer Eintagsfliege, die ihre Zeit rückwärts zählt, um am Ende zu sterben. Noch am nächsten Tag muss ich über den Dialekt, mit dem Redken die Eintagsfliege gesprochen hat, schmunzeln. „Eine Minute und … zehn Sekunden … eine Minute und … fünf Sekunden“.

Ein Stück, das weit mehr ist als ein reines Kinderstück und den Zuschauern ein Stück Leichtigkeit schenkt. Annehmen  muss es am Ende nur jeder selbst.

Titelfoto: Lars Heidrich / STM

*Presseeinladung zur Premiere