Schau mir in die Augen, Audrey – Sophie Kinsella

Ein Jugendbuch von der Autorin der Schnäppchenjäger-Serie? Ich war erst skeptisch und lief lange um den Roman herum. Bis ich zuschlug. Und das Buch einschlug. In mein Herz.

Audrey ist ein typischer Teenager, der in einer leicht durchgeknallten Familie aufwächst: Ihr älterer Bruder Frank spielt ständig ein Computerspiel, ihr jüngerer Bruder Felix plappert alles nach. Vielleicht sollte man aber eher sagen, Audrey war ein typischer Teenager. Ein Vorkommnis in ihrer Schule ändert nämlich ihr ganzes Leben. Und die Sonnenbrille wird seitdem zu ihrem stetigen Begleiter.

In dem ersten Jugendroman von Sophie Kinsella wird nie genau thematisiert, was genau Audrey in der Schule geschehen ist, (schließlich gehört das zur Vergangenheit und Audrey soll sich mit der Gegenwart beschäftigen, wie ihre Therapeutin Dr. Sarah ihr rät) aber es wird deutlich, dass sie gemobbt wurde und aufgrund dessen eine Angst- und Panikstörung entwickelt hat, wegen der sie in einer Klinik war und nun die Schule nicht mehr besuchen kann. Deshalb ist sie zurzeit dauerhaft zu Hause und versucht, Schritt für Schritt, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Was gar nicht so leicht ist, da Audreys Mutter sie stets mit Argwohn mustert: “Nach allem, was passiert ist, gehört das zu den Dingen, die ich am traurigsten finde. Wir können nicht mehr normal miteinander umgehen. Mum stürzt sich auf jede Winzigkeit, die ich sage und versucht sie einer tiefenpsychologischen Analyse zu unterziehen …” Um überhaupt mit ihrer Familie kommunizieren zu können trägt Audrey darum eine Sonnenbrille. Die ihr aber nicht hilft, als Linus, ein Freund ihres Bruders Frank, auf einmal im Zimmer steht. “Die Bedrohung ist nicht real. Ich versuche mir die Worte in den Verstand zu hämmern, aber sie werden von der Panik weggefegt. Sie hüllt alles ein. Sie ist wie die Wolke einer Atombombenexplosion.” Und doch ist Linus derjenige, der Audrey auf den Weg zurück ins Leben hilft und ihr erklärt: “… du bist nichts von den ganzen fiesen Sachen, die dein Kopf dir einzureden versucht. Nichts davon.”

In zwei Tagen habe ich die 348 Seiten förmlich verschlungen. Kinsella erschafft nicht nur einen Roman, der eine tragische Geschichte erzählt, sondern verknüpft diese mit ihrem charmanten Humor, der einen selbst spät nachts im Bett zum Kichern bringt. Während sie Audreys Erkrankung so einfühlsam und hautnah beschreibt, dass der Leser das Gefühl hat, direkt neben Audrey zu stehen und ihr leicht über die Schulter streicheln zu wollen, paart sie diese tragischen Erfahrungen mit der Leichtigkeit der ersten großen Liebe, die einem Flügel verleihen und die Fähigkeit, an sich selbst zu glauben. Ein Buch, das so viel mehr ist als nur ein Jugendroman.

Fazit: “Ich glaube mir ist klar geworden, dass es im Leben vor allem darum geht, nicht stehen zu bleiben. Man klettert hoch, man rutscht ab und man rappelt sich wider auf. Es ist nicht schlimm abzurutschen, solange man sich dabei gleichzeitig mehr oder weniger kontinuierlich nach vorn bewegt.”

Ein Roman voller tiefer Gefühle, unglaublich viel Feingefühl, Witz, und der Erinnerung an die erste große Liebe.